Wohnen und Leben im Alter | Land Brandenburg

34 Annette Oertel – Sterbebegleiterin im Ruppiner Hospizverein „Haus Wegwarte“ Zum Ende zu fast täglich in Zeitungsartikel über das sehr persönliche Buch der Autorin Ilka Piepgras mit dem Titel: „Wie ich einmal auszog den Tod kennenzulernen und da- bei eine Menge über das Leben erfuhr“, den Annette Oertel bei unserem Treffen vor sich zu liegen hat, kommt ihren Erfah- rungen als Sterbebegleiterin sehr nahe.Ein Vortrag über palliative Medizin,die Men- schen mit unheilbaren Erkrankungen die verbleibende Lebenszeit erleichtern will, hat die ehemalige Lehrerin aus Rheinsberg dem Thema näher gebracht und damit auch dem Ruppiner Hospizverein, dem sie seit 2002 verbunden ist. „Ich wollte mich nach vielen Jahren im Schuldienst bzw. der Berufstätigkeit neu orientieren“, erinnert sich die 73-Jährige. Der Verein bietet Interessierten Vorbe- reitungskurse an, in denen sie auf diese sensible Aufgabe vorbereitet werden und herausfinden können, ob sie dieser inten- siven Begleitung Sterbender gewachsen sein werden. Susanne Hoch, Leiterin des ambulanten Hospizes in Neuruppin, sagt aus Erfahrung: „Es ist wichtig, sich unter fachlicher Anleitung mit Gleichgesinnten auf diese Arbeit einzustellen. Es ist keine leichte Aufgabe. Jeder Ehrenamtliche be- treut einen Schwerstkranken.“ Annette Oertel erinnert sich an die ersten Einsätze. Dreieinhalb Jahre ging sie mit einer schwerstkranken Frau ein Stück der letzten Wegstrecke mit, die traurige Mo- mente ebenso einschloss wie gemein- same Stunden der Erinnerung an ein gelebtes Leben. „Das Wichtigste ist, dass man da ist“, findet sie, „zuhört, erinnert, gemeinsam liest oder nur vorliest und vor allem, wenn es möglich ist, draußen sein kann, Wind und Luft spüren und in den Himmel schauen kann oder dem Betrof- fenen kleine Wünsche erfüllt.“ Sie sucht nach Anknüpfungspunkten aus dem Le- ben des anderen. Da stand ein Klavier im Zimmer. Früher hatte die Schwerkranke selbst Klavier gespielt. Nach mehreren Schlaganfällen war das nicht mehr mög- lich gewesen. „Wir haben uns darüber unterhalten und sie begann nach langer Zeit wieder zu spielen, wenn auch einge- schränkt, da sie nur zwei Finger der linken Hand benutzen konnte, und wir haben ge- sungen. Als es zu Ende ging, war ich fast täglich da“, erinnert sie sich. Wir tauschen uns aus Geht es dem Ende des Lebens zu, ist Annette Oertel mehr als einmal in der Wo- che bei dem Sterbenden. Oftmals hat sie weite Wege übers Land, denn sie wohnt in Rheinsberg. Sich vom Leben zu ver- abschieden, ist schwer. Im Vordergrund steht nicht, dem Leben mehr Tage zu ge- ben, sondern den Tagen mehr Leben.Die gut ausgebildeten ehrenamtlichen Frauen und wenigen Männer des Hospizes sind den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Angehörigen eine große Unterstützung. Sie können dem Betroffenen helfen, das Unabänderliche zu akzeptieren, seinen Frieden mit dem eigenen Schicksal zu schließen und die Angst vor Schmerzen und dem Sterben in den Griff zu bekom- men. Im Mittelpunkt ihres Bemühens stehen die Wünsche der Kranken. Das zusätzliche Angebot zur Pflege ist kosten- los. Wie verkraftet Annette Oertel diese selbstgewählte Aufgabe? „Wenn ich will, rede ich darüber, vor allem bei besonders tragischen Anlässen oder komplizierten Fällen. Dann tauschenwir Gleichgesinnten uns bei der Supervision aus“, erzählt die Rheinsbergerin. Sie sucht den Ausgleich imFamiliären, redet auchmit ihremMann darüber und weiß um sein Verständnis für diese Arbeit, die ihr emotional wie körper- lich viel abverlangt. Das Ruppiner Hospiz „Haus Wegwarte“ gibt es schon seit 2001, als sich Ärzte, Schwestern und Sozialarbeiter der Rup- piner Kliniken entschlossen, für ihre schwerstkranken Patienten eine häusliche und auch stationäre Pflegemöglichkeit einzurichten. Sie wollten den sterbenden Menschen ein Zuhause geben und für die Angehörigen und Freunde Hilfe und Entlastung schaffen. Annette Oertel ist dabei, wenn Veranstaltungen zur Hos- pizarbeit stattfinden, denn noch immer ist das Thema Tod ein Tabu-Thema in der Gesellschaft. Doch diese muss sich dem Thema Sterbebegleitung stellen. Gut, dass es diesen Freiwilligendienst kostenlos als zusätzliches Angebot der Palliativversor- gung gibt. „Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis“, bestätigt Susanne Hoch der engagierten Sterbebegleiterin, die ihre Erfahrungen auch an die zukünf- tigen Hospizhelferinnen, Krankenschwe- stern und Palliativärzte in der Fortbildung weitergibt. Diese besonderen Eigenschaf- ten von Annette Oertel betonte auch Bun- despräsident Joachim Gauck, als er die Brandenburgerin imvergangenen Jahr mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnete. (af)  Ruppiner Hospiz e. V. Ambulanter Hospizdienst Fehrbelliner Str. 38, 16816 Neuruppin Tel. 03391 394955 E Haus des Ruppiner Hospizvereins in Neuruppin Annette Oertel (3.v.l.) und Susanne Hoch (5.v.l.) im Kreise ihrer Kollegen © Ruppiner Hospizverein (2) Sonderthema: Ehrenamt

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